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Freitag, 15. Mai 2015

Streng limitierte Bilder, Druckgrafiken und Skulpturen von Günter Grass

Am 13. April starb mit Günter Grass einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller, Grafiker, Maler und Bildhauer. Passend zu seinem Zitat


“Als bildender Künstler bin ich gelernter, als Schreiber ungelernter Künstler.”- Günter Grass

finden Besucherinnen und Besucher der Online Galerie von Kunstplaza eine Auswahl seiner besten und beliebtesten Bilder, Druckgrafiken und Skulpturen.


Wer war die Person Günter Grass?


Günter Wilhelm Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig-Langfuhr als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren und verstarb am 13. April 2015 in Lübeck. Er war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit.


Günter Grass auf Buchmesse, Frankfurt am Main (2004)

Günter Grass auf Buchmesse, Frankfurt am Main (2004)
von Florian K [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons


Weniger bekannt dürfte vielen Menschen die Tatsache sein, dass der studierte Bildhauer auch mit Leidenschaft Bildhauer, Maler und Grafiker war und zudem eine ganze Reihe an Kunstwerken hinterlassen hat.


Grass war seit 1957 Mitglied der Gruppe 47 und wurde mit seinem Debütroman Die Blechtrommel 1959 zu einem international hochgeachteten Autor der deutschen Nachkriegsliteratur.


Grass’ Werk und Rolle als Autor und politischer Intellektueller war und ist Gegenstand umfangreicher Forschung sowie des Medieninteresses im In- und Ausland. Er hat sich von 1961 bis 2005 als Unterstützer von SPD-Politikern wie Willy Brandt, Gerhard Schröder und Heide Simonis öffentlich engagiert. Grass’ zentrale Motivation war der Verlust seiner Heimat Danzig und die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, die sich vielfach in seinem Werk widerspiegelt.


Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und teilweise verfilmt. Im Jahr 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, er wurde mit einer Vielzahl weiterer Auszeichnungen geehrt.


Bis zur letzten Minute seines Lebens hat Günter Grass geschrieben, gezeichnet und Bücher gestaltet. Das Werkverzeichnis seiner grafischen Arbeiten “In Kupfer, auf Stein”, 1992 erschien als erster literarischer Titel im Steidl Verlag.


Politisches Engagement


Zeit seines Lebens schaltete sich Günter Grass in gesellschaftspolitische Debatten ein. So unterstützte er beispielsweise Willy Brandts Aussöhnungspolitik mit Polen und machte aktiv Wahlkampf für die SPD. Grass löste heftige Kontroversen aus, zuletzt 2012 wegen eines Israel-kritischen Gedichts.


Sein autobiografischer Band “Beim Häuten der Zwiebel” sorgte ab 2006 für Diskussionen. Überraschend machte Grass darin öffentlich, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Dem Autor wurde anschließend vorgeworfen, seine SS-Zugehörigkeit zu lange verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisiert habe.


Quellen:


– http://www.ard.de/home/kultur/Spezial_zum_Tod_von_Guenter_Grass/1781682/index.html

– https://steidl.de/

– http://de.wikipedia.org/


Dokus, Reportagen und Videobeiträge


Günter Grass zum 85. doku deutsch – Dichter und Provokateur – Reportage



RIP Günter Grass – Der Unbequeme (Portrait)



Günter Grass Interview zu seinem Israel Gedicht “Was gesagt werden muss” (ZDF, 05.04.2012)



Weiterführende Informationen und Berichte


Aktuelle Nachrichten, Informationen und Fotos zur Person Günter Grass finden Sie über folgende Links:


Streng limitierte Bilder, Druckgrafiken und Skulpturen von Günter Grass


Druckgrafik von Günter Grass

Druckgrafik von Günter Grass


Sie gelangen zu diesen streng limitierten Werken direkt über den nachfolgenden Textlink:


Günter Grass in der Online Galerie von Kunstplaza


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Streng limitierte Bilder, Druckgrafiken und Skulpturen von Günter Grass

Samstag, 21. März 2015

Art-o-Gramm: Picasso - ein Garant für Top-Ranking

Picasso ist berühmt, berühmter, am berühmtesten – jeder Kunstliebhaber mit einer gesunden Portion Neugier fragt sich irgendwann, wie er eine solche Ausnahmestellung entwickeln konnte und vor allem – gut vier Jahrzehnte nach seinem Tod – kontinuierlich hält.


Platz 2 auf der wohl größten Rankingliste der Kunst, seit Jahren, unverrückbar. Einige der beteiligten Faktoren wurden in dieser Art-o-Gramm-Serie über den herausragenden Künstler bereits angesprochen, ein ganz entscheidender Aspekt fehlt aber noch: Wo immer ein Werk von Picasso auftaucht, legen sich die Top-Ranking-Listen aufnahmebereit nieder, werden Verkaufserfolge gefeiert, planen Kuratoren eine epochale Ausstellung – in den meisten der Fälle, wenn in der Kunst verglichen wird, ist Picasso oder “ein Picasso” ganz vorne mit dabei.


Der Meister der bedeutenden Ausstellungen


Schon die ersten Ausstellungen Picassos wurden von den Kunstkritikern beachtet und gelobt, auch in der Presse wurde Picassos Talent gefeiert.


Es war ein sehr junges Talent – die ersten Ausstellungen fanden um 1895 statt, kurz nachdem Picasso mit 14 Jahren auf der Kunstakademie aufgenommen worden war. Und eine durchaus mächtige Presse – diese Kunstakademie befand sich in Barcelona, zweitgrößte Stadt Spaniens und bedeutendes Kunstzentrum.


Picasso gab sich sehr schnell nicht mehr mit der Beachtung der spanischen Öffentlichkeit zufrieden, pünktlich zur Weltausstellung 1900 kam er in Paris an, für den Spanier das nächstgelegene Kunstzentrum mit Interesse für die Moderne. Picasso sollte sich von nun an häufig in Paris aufhalten, dort folgten bald die nächsten Ausstellungen, er lernte Künstler und Kunstinteressierte aus aller Welt kennen.


Picasso - Garant für ein Top Ranking

Picasso – Garant für ein Top Ranking


So konnte Picasso bald auch in London ausstellen, 1910 zum ersten Mal, 1912 wieder, zwischendurch auch wieder einmal in Paris, aber richtig los ging es für ihn in Deutschland: 1910 war er bei einer Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München in der Galerie Thannhauser dabei, 1912 bei einer Ausstellung des Sonderbundes in Köln, im “Sturm”, Herwarth Waldens Galerie in Berlin, und in der zweiten Ausstellung des Blauen Reiter in der München, in der Galerie Goltz. 1912 war er auch in Köln zu sehen, 1913 wieder in München, dann waren Deutschland und die anderen europäischen Kunstzentren erst einmal im Krieg.


Nach Übersee brauchte es in Picassos Frühzeit einige Anläufe, selbst in New York wurde die moderne Kunst Anfang des 20. Jahrhundert nur sehr zögerlich von einigen Individualisten akzeptiert.


Der europäische Kunstbetrieb, mit Deutschland als einem der Zentren, war damals sehr viel mehr an den zeitgenössischen Entwicklungen der Kunst interessiert als der gesamte Rest der Welt, die Weltkriege und die unstete Zeit zwischen den Kriegen bremsten die moderne Kunst in all ihren Erscheinungsformen nachdrücklich aus.


Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ging es wieder los mit der nun internationaler werdenden modernen Kunst: Zunächst in Italien, 1950 war Picasso auf der 25. Biennale in Venedig zu sehen, dann wieder in Deutschland, 1955 wurde Picasso zur documenta 1 in Kassel eingeladen und 1959 zur documenta 2.


Also zu den führenden Kunstereignissen, die die damalige Zeit zu bieten hatte, und so ging es weiter: 1960 war Picasso auf der 30. Biennale Venedig, 1964 auf der documenta 3, 1976 bei der 37. Biennale Venedig, 1977 auf der documenta 6, 1978 auf der 38. Biennale Venedig.


Picasso wird viel ausgestellt, seit langer Zeit und bis heute


Als Picassos Werke Ende der 1970er Jahre auf der Biennale und der documenta gefeiert wurden, war der Künstler bereits verstorben. Sein Werk begann jedoch gerade erst, seine Wirkung zu entfalten – gegenüber der Gesamtzahl der Ausstellungen, die bis heute seine Werke zeigen, hat Picasso zu Lebzeiten “nur ein paar Mal” ausgestellt.


In allen großen Datensammlungen über Kunstausstellungen werden für den Künstler Picasso gut 2.500 Ausstellungen verzeichnet, und das sind nur die bedeutenden Ausstellungen, in allen alten und neueren Zentren der zeitgenössischen Kunst, über die ganze Welt.


Picassos erste Ausstellungen fanden um 1895 statt, das sind bis heute einfach einmal 120 Jahre Ausstellungsgeschichte, da kommt schon einiges zusammen.


Bis heute werden Picassos Werke mit ungebrochener Begeisterung in aller Welt ausgestellt, sein 125. Geburtstag im Jahr 2006 wurde mit über 40 aufsehenerregenden Einzelausstellungen und um 140 großen Gruppenausstellungen gefeiert, 2011 (130. Geburtstag) waren es um 45 Einzelausstellungen und 125 Gruppenausstellungen, seitdem werden Ausstellungen mit dem Thema Picasso nicht unbedingt weniger.


Es gibt immer wieder Neues zu entdecken…


Dass Picasso-Ausstellungen nicht weniger werden, liegt an seiner Prominenz, aber auch an der Vielseitigkeit seines Kunstschaffens. So gab und gibt es Ausstellungen zu Picassos Gesamtwerk, zu seinem Frühwerk und zu seinem Spätwerk, und mit Kunstwerken, die Picasso in einer bestimmten Zeit seines Lebens, in einer bestimmten stilistisch abgrenzbaren Periode angefertigt hat. Gut 80 Jahre künstlerisches Schaffen, bei Picasso sehr eifriges künstlerisches Schaffen, stellen diesbezüglich eine Menge Varianten zur Verfügung:


Die Werk aus seiner Jugend, 1889–1897, die Werke aus den Jahren der ersten künstlerischen Orientierung, 1898–1901. Werke aus der Blaue Periode (1901–1904), aus der Rosa Periode (1904–1906) und aus der période nègre (1907–1908).


Picassos Kubismus, 1908 bis 1916, die Zeit der stilistischen Experimente von 1916 bis 1924, seine Auseinandersetzung mit dem Surrealismus 1925 bis 1936, sein Spätwerk nach 1945 – immer wieder eine ganz neue Kunst.


Außerdem gibt es noch ein paar weitere künstlerische Ausdrucksformen, mit denen sich Picasso beschäftigt hat: Bildhauerei und Druckgrafik, Literarische Werke und Bühnenbilder, Theaterkostüme und Keramikarbeiten und Luminografien (mit der Taschenlampe gemalte Lichtbilder).


So gibt es bei Picasso immer wieder etwas Neues zu entdecken, für die Ausstellungsmacher und für die, die sich die Ausstellungen ansehen.


Die Bandbreite von Picassos Werk ist unglaublich, die Vielfalt an Schwerpunktthemen, die die sich aus dieser Bandbreite zu einer Ausstellung gruppieren lassen, ist ebenfalls unglaublich:


Da geht es um…


  • ‘Kunst und Küche’

  • ‘Sculptors and Jewellery’

  • ‘Nackte’ (Picassos Akte) und ‘Picasso und Jacqueline’

  • ‘Nelson Rockefeller’s Picassos’

  • ‘Picasso & Matisse’

  • ‘Mythos Carmen’

  • ‘Geburt des Kubismus’

  • ‘Modern Times’

  • ‘von 1900 bis heute’

  • ‘Ewig Feminine’

  • ‘Minotaurus’

  • ‘Idyllische Glückseligkeit’

  • ‘gemalten Exorzismus’

  • ‘mediterrane Gefilde’

  • ‘Sieben Mal Lebensfreude’

  • ‘Sylvette’

  • ‘Frauenköpfe’

  • ‘Mysteries of Life’ (Mysterien des Lebens)

  • ‘Splendour of Line’ (die Pracht der Linie)

  • um einen Standpunkt gegen den Krieg und darum, dass Picasso die Dinge in anderer Art sieht…

Das waren nur 22 aus mindestens 2.200 verschiedenen Ausstellungsthemen, in der Variationsfreudigkeit aber sicher nicht untypisch (ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich gut ein Viertel der Ausstellungs-Sujets um den Themenkreis “Picasso und Frauen” dreht).


Dann gibt es noch Ausstellungen anderer Künstler, die mit Picasso oder nach Picasso mit Bezug auf seine Kunstwerke gearbeitet haben. Wie z. B. die Ausstellung “Von Picasso bis Jasper Johns” über den großen belgischen Kunstdrucker Aldo Crommelynck und die Arbeit seines Ateliers.


Dieses legendäre Atelier hat Paris zu einer der wichtigsten Städte im Kunstdruck-Gewerk gemacht, auch mit Kunstdrucken von Picasso, der bei der Anfertigung mehrerer berühmter Kupferstiche mit Aldo Crommelynck zusammen gearbeitet hat.


So ist z.B. 1970 Picassos “Ecce Homo, d’Après Rembrandt” entstanden (anzusehen auf http://www.johnszoke.com/picasso/ecce-homo-dand39aprs-rembrandt), danach haben zahlreiche Künstler zusammen mit Crommelynck Kunstwerke erarbeitet, mit denen sie Picasso ihre Ehre erweisen wollten:


Gleich nach Picassos Tod entstanden “Artist and Model” von David Hockney (www.20minutos.es/fotos/artes/david-hockney-grabador-10245) und “Picasso’s Meninas” von Richard Hamilton (metaismurder.com/post/59070951/picassos-meninas-1973-works-deriving-from), all das ist gerade bis zum 8. März 2015 im Musée Soulages in Rodez (französische Region Midi-Pyrénées) zu besichtigen.


Geniales Marketing


Nein, damit sind nicht geniale Ergüsse kunstinteressierter Marketingexperten gemeint, die Ausstellungstitel wie ‘Pack’ die Sehnsucht beim Schwanz’, ‘Das Haar in der Kunst von der Antike bis Warhol’, ‘Diese Socken sind nicht Weiß’, ‘Die Liebe ist ein seltsames Spiel’, ‘Vom Küchendunst zur Tafelkunst’, ‘Nackte und Akte’, ‘Der späte Nachmittag eines Faun’, ‘Aus dem Gesicht in Linol geschnitten.’ oder ‘Die Aninmalischen Ebenbilder des Menschen’ generieren – sondern Picasso selbst.


Der nicht nur mit Titeln á la “Wie man Wünsche beim Schwanz packt” und vielen anderen Skurrilitäten solche Ergüsse initiiert hat, sondern sich auch auf dem Gebiet der Präsentation und Kommerzialisierung seiner Kunst als Meister beweisen sollte:


Picasso wusste sehr gut, dass selbst die größte Kunst sich nicht “irgendwie selbst verkauft”, und dass die meisten Käufer ohnehin den Künstler kaufen und nicht die Kunst.


Zu Beginn half Picasso die “German Connection” eines Daniel-Henry Kahnweiler, der Picasso in Berlin, München, Dresden und Köln zeigte, nur nicht in Paris, am Ort seines Schaffens.


Picasso lernte schnell und arbeitete an “seiner Marke”. Er umgab sich mit den richtigen Leuten und wusste den richtigen Leuten (mit einem Portrait) zu schmeicheln. Er setzte Provokation wenn nicht bewusst so doch unbekümmert ein, auf künstlerischem Gebiet und im Privatleben.


Er kannte die Kunst der Verknappung (exklusiver Vertrieb) und er kannte die wertsteigernde Wirkung von Signaturen.


Das Wort Marketing kannte Picasso zu Beginn seiner Karriere sicherlich nicht, aber er hat Marketing gemacht, nach allen Regeln der Kunst (des Marketings, nicht der Malkunst):


Marktanalyse


Zuerst macht er eine Marktanalyse, mit dem Ergebnis, dass er die herrschende akademische Tradition der Malerei als überholt erkennt und die Zeit für einen Aufbruch in die Moderne der Malerei gekommen sieht.


Die Antwort auf diese Marktanalyse ist der Kubismus, diese Antwort leitet eine Revolution ein, eine Revolution des Sehens und der Beziehung des Künstlers zu seiner Arbeit. Sie kommt aus entwickelter Könnerschaft und wird trotz eines zunächst sehr geringen Marktanteils mit gesunder Beharrlichkeit an die Öffentlichkeit gebracht. Picasso durchlebt hier das typische Schicksal aller Vordenker, die Kunstwelt der Jahrhundertwende ist noch nicht bereit für die Neuerungen, er arbeitet begeistert und produktiv, aber mitunter recht hungrig.


Wie so häufig folgte die Zeit irgendwann den avantgardistischen Ansätzen des Genies, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich in den europäischen Metropolen gerade eine exklusive Schicht finanzstarker Sammler.


Gebildete Bürger, durch aufblühende Industrialisierung zu Einfluss, Macht und Geld gekommen, selbstbewusst, damit offen für Neues und investitionsbereit. Sie löste die traditionelle Schicht der Kunstkäufer aus Kirchenmännern, Adel und Staatsdienern ab und strukturierte den konservativen Kunstmarkt neu, innerhalb kurzer Zeit werden mehr hochrangige Werke moderner Kunst nachgefragt als angeboten.


Product Development


Bevor Picasso bei diesen Sammlern die ersten Erfolge verzeichnen kann, hat er ein betriebswirtschaftlich vorbildliches Product Development hingelegt: Er wollte Neues schaffen, und er eignete sich vorher die gesamte Schule der überkommenen Tradition an, weil er nicht blind, sondern kenntnisreich an die Erneuerung der Kunst gehen wollte.


Marktpositionierung


Picasso wurde sehr früh zum Meister der konventionellen Techniken und gewinnt Preise auf diesem Gebiet, bevor er sich an seine eigene Orientierung macht. Auch die Marktpositionierung erfolgt sehr bewusst: Picasso entscheidet sich, als freier Maler zu arbeiten, um sich abseits der “abgegrasten Weiden der Akademie” einen Namen zu machen.


Benchmarking


Picasso führt ein passgenaues Benchmarking durch: Er orientiert sich nicht einmal an den Werken der Traditionalisten, als er noch lernt, ihre Malkunst zu beherrschen. Sehr früh blickt Picasso auf die neu denkenden und malenden Meister der frühen Moderne, die kurz vor ihm oder neben ihm arbeiten:


Camille Pissarro und Edgar Degas, Paul Cézanne, Edvard Munch und Henri de Toulouse-Lautrec; sie werden analysiert und kopiert, bis Picasso sie perfekt imitieren kann und vom Schaffen der „me-too-Produkte“ in die Prägung der seiner Marke übergeht.


Brand Name Development


Seine Signatur schreibt eine eigene kleine Geschichte des “Brand Name Developments”: Am Beginn seiner Karriere, als er den künstlerischen Einfluss seines Vaters José Ruiz Blasco noch anerkennt, signiert der 13-jährige Picasso unter zartem Hinweis auf die eigene Person mit dessen Familiennamen, als “P. Ruiz”.


Mit den ersten Erfolgen strebt er nach Individualität und benutzt dazu den Namen der Mutter, den Familiennamen, der “künstlerisch frei ist”, die Signatur wird zu “P. Ruiz Picasso“. Mit einer interessanten Besonderheit: Diese Signatur wird unterstrichen und zwischen zwei Gedankenstriche gesetzt. Wenn wir annehmen, dass der junge Picasso seine Grammatik gelernt hat und Schriftauszeichnung wie rhetorisches Stilmittel Parenthese bewusst einzusetzen wusste, wollte er dem Betrachter damit sagen: “Ich bin im Kommen, ich werde gerade zur selbständigen Einheit innerhalb des großen Ganzen”.


Um 1900 wird Picasso unter den Montmartre-Künstlern selbstbewusster, fügt sich aber auch zufriedener in sein Umfeld ein – bei der Signatur “P. R. Picasso” fallen Unterstrich und Gedankenstriche weg, er benötigt inzwischen weder die Betonung noch den abgrenzenden Einschub.


Bald braucht er auch keine Initialen mehr; als er um 1901 von der herausragenden Qualität seiner Malerei überzeugt ist, signiert er erstmals nur mit “-Picasso-“; die Parenthese kann der Verdichtung des Namens zum Begriff oder dem Herausstellen außerordentlicher Qualität geschuldet sein. Sie verschwindet schnell, kurz darauf überrascht Picasso den Kunstmarkt mit den ersten Gemälden der „Blauen Periode“, in seinem eigenen und nicht zu verwechselnden Stil. Nun ist er bereit zur “Geburt seiner Marke”, er signiert nur noch mit “Picasso”.


Network Marketing


Network Marketing fehlt natürlich auch nicht. Picasso ist ein begabter Netzwerker, sein Beziehungsgeflecht umfasst neben Kollegen und gebildeten, wissensvermittelnden Freunden auch Sammler und Kunsthändler, Galeristen und Kritiker.


Product Innovation


Product Innovation und Product Innovation, sinnvolle Entwicklung und zeitgemäße Erneuerung des Produkts?

Ja, ständig, mit der ganzen gerade oben unter “Es gibt immer wieder Neues zu entdecken” aufgezeigten Vielseitigkeit.


Wer etwas herstellt, dass andere haben wollen – und im Gegensatz zu vielen Produkten des heutigen Konsumgüter-Massenmarkts auch noch haben wollen, nachdem sie es gekauft haben – macht sich wirklich Gedanken um sein Produkt. Product Development und Product Innovation erledigen sich bei jedem, der auf seinem Gebiet profunde Kenntnisse erworben hat und laufend weiter erwirbt, ganz von selbst.


So auch bei Picasso, er muss sich weder die Rundungen eines Geräte-Gehäuses noch menschliche Gesten zum Betrieb eines Touchscreens noch das Saatgut einer Pflanze patentieren lassen, wie es heutzutage üblich ist. Und er muss solche künstlich geschaffenen Differenzierungen bzw. Aneignungen der Natur auch nicht nutzen, um Konkurrenten mittels Justiz plattzumachen, er ist einfach selbst und wirklich innovativ.


Category Positioning


“Category Positioning” (Marke in der richtigen Kategorie positionieren) wäre das nächste Stichwort für den erfolgsorientierten Marketingstrategen. Ein solcher Marketingstratege verrät uns im Internet den Zweck des Ganzen:


“Kategorien sollen die Grundlage eines wettbewerbsorientierten Positionierungsansatzes sein, weil sie das Ziel implizieren, das der Verbraucher durch Verwendung einer Marke erreicht. Wenn Verbraucher darüber informiert werden, dass eine Marke zur Kategorie Wein gehört, wird ihnen damit zugleich verraten, welchen Zweck diese Marke hat: Die Nutzung einer Marke der Kategorie Wein z. B. verstärkt die Freude an einem eleganten Mal und sie fördert die sozialen Beziehungen. Wenn dem Verbraucher die Kategorie der Marke bekannt ist, kann er die neue Marke schnell mit dem Ziel verbinden, das er durch Verwendung anderer Marken der Kategorie erreicht hat. Marken müssen kategorisiert werden, sonst versteht der Verbraucher nicht, warum er sie nutzen soll.”


Der Wein “Burgunder” ruft also beim Verbraucher die Assoziation hervor, zu sozialem Kontakt eingeladen zu werden; und ein Wein muss in der Kategorie Wein positioniert werden, weil der “beschränkte Verbraucher” es unmöglich alleine bis zum “Wein öffnen und trinken” bringt?


Abgesehen davon, dass der Wein “Burgunder” beim kochenden Verbraucher vielleicht eher die Assoziation “Boeuf Bourguignon” oder “Coq au Vin” hervorruft, trägt diese (eigentlich sehr viel längere) Erklärung der Notwendigkeit von Kategorisierung neuer Produkte die Rechtfertigung für die Existenz des Marketings in sich: Marketing wird gebraucht, wenn der Verbraucher ohne Marketing nicht weiß, warum er ein Produkt kaufen soll.


Braucht Picasso nicht, seine Kunstwerke (Produkte) beweisen selbst ihren Sinn, Picasso schafft wirkliche Innovationen und nicht die tausendste Variante eines Marken-Artikels mit von vorneherein zweifelhaftem Nutzwert.


Distribution Strategy


Für diese Innovationen sucht er sich den aufgeschlossensten Markt, unter Nutzung der oben angesprochenen “German Connection”. Picasso und Co-Innovator Georges Braque ersinnen zusammen mit Kahnweiler eine meisterhafte Distribution Strategy (Vertriebsstrategie): Der junge, noch nicht ins Pariser Kunstmarktgespinst verstrickte Kahnweiler bekommt einem Exklusivvertrag und bietet die Avantgarde-Werke exklusiv an, im Ausland, in europäischen und amerikanischen Kunstmetropolen, dort werden Picasso und Braque nun ganz schnell berühmt. Mit der Marke “Kubismus”, die die Marken “Picasso” und “Braque” vorbildlich transportiert.


Pricing Strategy


Für die Pricing Strategy (Preisstrategie) ist Kahnweiler zuständig, er setzt für Picasso-Gemälde viermal höhere Preise als für Braque-Formate fest und macht die ungewohnten kubistischen Bilder durch eine rigorose Angebotsverknappung zu etwas ganz Besonderem – es dauert nicht lange, bis Picasso die Spitze der Avantgarde erobert.


Line Extension & Change Management


Dort setzt er sich nun (um 1920) unverrückbar fest, unter Beachtung sämtlicher moderner Marketinginstrumente: Line Extension (Erweiterung der Produktlinie, Picasso macht Bühnenbilder und Keramik und Grafik …) und Change Management (Veränderungsmanagement, ganz marketingunabhängig, Picasso entwickelt sich einfach permanent weiter).


Public Relations


Und Public Relations natürlich, Picasso pflegt sein Image als Ausnahme-Genie des Jahrhunderts fleißig, mit aufregenden Geschichten nicht nur rund um Frauen-Bekanntschaften, sondern (im scheinbar gerade so hochmodernen Sinne) auch mittels politischem und gesellschaftlichem Engagement. Durchaus nicht immer mit Blick auf die Außenwirkung, auch indem er “einfach nur lebt”, er lebt eben etwas anders als die Allgemeinheit.


Auf Picassos Erfolgsgeschichte geballte Marketing-Teminologie abzufeuern, ist ein beliebtes Spiel – aus dem die Autorin genau dort aussteigt, wo seine Frauen (Geschäftsfeld “Mergers & Acquisitions”) zu Mitgesellschaftern werden.


Man kann jedes Blinzeln nach den Gesetzen des Marktes bewerten, man kann es auch lassen – einfach leben und Kunst machen, konzentriert arbeitend. Kunst, die von Anfang bis Mitte des Jahrhunderts eine Wertsteigerung von 1.000.000 % erfährt (50,- auf 500.000,- Franken) und bis heute noch einmal 10.000 % (500.000,- auf 50 Millionen Franken) zugelegt hat.


Picassos wohl nicht immer zielbewusst eingesetztes Marketing zahlte sich auf jeden Fall wunderbar aus, spätestens seit Anfang der 1920er Jahre hatte Picasso in der europäischen Kunstwelt einen Spitzenplatz erobert. Weltruhm zeichnete ihn spätestens 1939/1940, als ihm das Museum of Modern Art in New York City eine erfolgreiche Retrospektive widmete, die ihn nun auch in Amerika beim letzten zeitgenössischen Kunstkritiker und beim letzten weit abseits des Kulturgeschehens arbeitenden Künstlerkollegen nachdrücklich bekannt machte.


Bleibender Weltruhm und finanziell mehr als lohnender Weltruhm, wie Sie im “Art-o-Gramm: Picasso heute” erfahren werden. Wie Sie Werke Picassos für sehr wenig Geld oder sogar ganz umsonst betrachten und besitzen können, erfahren Sie dort ebenfalls, um sein Leben und seine Entwicklung geht es in “Art-o-Gramm: Picasso – Ein langes Leben für die Kunst”, “Art-o-Gramm: Picasso – zum Künstler geboren” und “Art-o-Gramm: Picasso – ein Künstler und drei Kriege”.


Eher nicht finanzielle Aspekte der Legendenbildung um den großen Künstler werden im Artikel “Art-o-Gramm: Picasso – Berühmte Kunst und ihr Geheimnis” angesprochen, mitunter zur Legendenzerstörung genutzte Aspekte im “Art-o-Gramm: Picasso – Der Künstler, das Leben und die Liebe”.



Art-o-Gramm: Picasso - ein Garant für Top-Ranking

Mittwoch, 28. Januar 2015

Erwin Wurm - auf Kunstauktionen ein Gewinner

Im Moment sind Auktionshäuser und Kunstauktionen in aller Munde, und damit interessieren sich auch immer mehr Kunstkäufer und Kunstliebhaber für die Mechanismen, die die Werke eines bestimmten Künstlers auf Kunstauktionen besonders erfolgreich und besonders teuer machen. Die Menschen, die eher Neugier und Leidenschaft als kaufmännisches Interesse mit Kunst verbinden, können Kunst allerdings auch ohne ein derartiges Wissen genießen.


Aber in jedem von uns steckt wohl ein kleiner Zocker, und auch wer Kunst kauft, weil er Kunst liebt, hat nichts dagegen, dass ein von ihm erworbenes Kunstwerk im Laufe der Zeit erheblich an Wert zulegt. Die gerade neu aufkommenden Anleger, die ihr Geld sicherer in Kunst als in Aktien aufbewahrt vermuten, müssen natürlich versuchen, dem Geheimnis der hohen Preise näher zu kommen. In diesem Zusammenhang ist es auf jeden Fall interessant, sich die Künstler einmal näher anzusehen, die auf den weltführenden Auktionen so richtig hoch gehandelt werden. Erwin Wurm gehört seit einigen Jahren zu diesen Künstlern, hier ein Überblick über sein Leben und sein Werk:


Erwin Wurm – Leben und Werk


Der österreichische Kunstschaffende wurde am 27.07.1954 in Bruck an der Mur geboren, der Bezirkshauptstadt der Steiermark. Bruck an der Mur ist mit rund 12.500 Einwohnern ein recht beschaulicher Ort, der dem jungen Erwin Wurm außer Kammermusiksaal, Heimatmuseum und Singkreis nicht viele künstlerische Anregungen bieten konnte, auch sein Vater, ein Kriminalbeamter, soll nicht begeistert gewesen sein, als sich sein Sohn an Kunst als Beruf interessiert zeigte.


Porträt des Künstlers Erwin Wurm (2012)

Porträt des Künstlers Erwin Wurm (2012)
von Manfred Kuzel [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons


Auf jeden Fall strebte auch der junge Wurm zunächst die Beamtenposition an, er studierte zuerst Kunstgeschichte und Germanistik im benachbarten Graz. Dann wechselte er jedoch ans Mozarteum Salzburg, wo er von 1977 bis 1979 ein Studium der Kunst- und Werkerziehung studierte, und von Salzburg führte ihn sein Weg nach Wien, an die Hochschule für angewandte Kunst und die Akademie der bildenden Künste. Er lernt bis 1982 Gestaltungslehre im Bereich Bildhauerei bei Bazon Brock, je nach Zeitpunkt seiner Matura hat er damit eine achtjährige bis zehnjährige künstlerische Ausbildung hinter sich.


Wurm beginnt sein künstlerisches Werk Anfang der 1980er Jahre mit Skulpturen aus Blech und aus Holz und mit allerlei künstlerisch verfremdeten Alltagsgegenständen, die vom Umgestalter mit Blei und/oder Farbe überzogen wurden. Im Laufe der Zeit wird sein Begriff der Skulptur freier, er verzichtet zunehmend mehr auf festes Material und Stabilität.


Diese erarbeitete Erweiterung des Begriffs der Skulptur verkörpert sich (oder verkörpert sich eben gerade nicht) z. B. in einer Reihe von “Staubobjekten” (ganz kurz: Vierrecke mit bestaubten Flächen). In den nunmehr über drei Jahrzehnten seines Schaffens erkundet Erwin Wurm mit unzähligen weiteren phantasievollen Ideen die Grenzen, die Skulpturen von Aktionen und Aktionen von Performances trennen oder eben gerade nicht trennen.


Wurms selbsterschaffener Skulpturbegriff wird nach einer entscheidenden Lebenskrise zu seinem vorläufigen Höhepunkt entwickelt. Wurm verliert innerhalb eines Jahres alle engen Angehörigen, die Eltern sterben beide, die Frau verlässt ihn und nimmt beide Söhne mit. Er äußert sich dazu in den 1990er Jahren in einer Reihe von “One Minute Sculptures”, in denen er Ausstellungsbesucher zusammen mit alltäglichen Gegenständen in der Ausstellung posieren lässt, sie werden so zu einem Teil einer nur kurze Zeit bestehenden und nur durch eine Fotografie dokumentierten Skulptur.



Wie viele berühmte Künstler ist Erwin Wurm an die Stätte seiner Ausbildung zurückgekehrt, er wirkte seit 2002 an der Universität für Angewandte Kunst Wien als Professor für Bildhauerei, Plastik und Multimedia-Kunst. Inzwischen nicht mehr, wie Wurm selbst angibt, sei er mit dem Leben und der Arbeit in Wien und New York zu beschäftigt, um die Studenten angemessen lehren zu können.


Wie und wo kam der “Durchbruch” für Erwin Wurm?


Wenn man Erwin Wurm selbst fragt, gibt es einen solchen Durchbruch eigentlich nicht, er könne schon seit vielen Jahren von seiner Kunst leben. Tatsächlich wird Wurm bereits 1982 zur ersten Gruppenausstellung geladen und hat in dieser Galerie (Galerie nächst St. Stephan) 1984 seine erste Einzelausstellung, und seitdem erhöht sich die Zahl seiner Ausstellungspräsenzen Jahr für Jahr und ziemlich gleichmäßig. Auf sehr sympathische Art erklärt Wurm selbst seinen Erfolg: Andauernder künstlerischer Erfolg könne nur gelingen, wenn die Arbeiten ein Element in sich bergen, das nicht nur eine Generation, sondern auch die nächste fasziniert.


“Am besten, man denkt gar nicht erst darüber nach”, sagt er auch, und “ich mache mir keine Illusionen, morgen kann auch bei mir wieder alles vorbei sein.” (http://derstandard.at/1304553594599/Bildhauer-mit-Office-Die-Kunst-des-konstanten-Erfolgs), und das ist wohl schon eher auf das gemünzt, was gemeinhin unter “Durchbruch” verstanden wird, nämlich eine Zeit eines eher unerwarteten und erstaunlichen finanziellen Erfolgs.



Wie dieser Durchbruch den Künstler Erwin Wurm ereilte, lässt sich nicht ganz genau festmachen, auf jeden Fall wurde er durch seine “One Minute Sculptures” über die speziell interessierten Kunstkreise hinaus in der Öffentlichkeit bekannt.


Sicher hat dazu beigetragen, dass diese “One Minute Sculptures” ins Video der Popgruppe Red Hot Chili Peppers zur Single „Can’t Stop“ 2003 Eingang fanden und auch Erschaffer und Inspirationsquelle Erwin Wurm im Video erwähnt wurde. Sicher spielt aber auch das Vergnügen eine Rolle, das die Besucher bei seinen Ausstellungen erwartet, auch dieser Erlebnischarakter seiner Arbeiten hat sich inzwischen herumgesprochen:


Erwin Wurm – Heute weltweit bekannt für interessante und amüsante Ausstellungen


Vielleicht begann sich die Kunde vom skurrilen Humor, der Wurms Arbeiten häufig anhaftet, mit der 2006er Ausstellung des MUMOK (Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig) im MuseumsQuartier in Wien zu verbreiten. In der Ausstellung “Keep a cool Head” war passend zu diesem Titel auf dem Dach des Museums die “House Attack” zu sehen, ein schräg und verkehrt herum angebrachtes Einfamilienhaus, damals noch in Originalgröße, was durchaus für einige Aufregung sorgte.



2009 war z. B. Wurms Ausstellung “Desperate Philosophers” in der Xavier Hufkens Galerie in Brüssel zu sehen, mit einem Philosophen ohne Kopf namens “Suit” und so philosophischen Werken wie dem “Melting House I”, dem schmelzenden Haus (was es auch tut) und dem “Big Gulp”, der auch wirklich wie ein großer Gulp aussieht.


2010 stellte Wurm einen weiteren Philosophen ohne Kopf namens Cajetan und andere ebenso zurückhaltend gestaltete wie hintergründige Werke im Münchner Lenbachhaus (Städtische Galerie) aus. Im Kunstmuseum Bonn gibt es Werke von 2007 bis 2009 zu sehen, mit bezeichnenden Titeln wie “Do not have doubts” oder im Ganzen bezeichnend wie das Modell seines Elternhauses, nunmehr auf etwa ein Sechstel der Größe längsgeschrumpft.


Haus auf dem MUMOK

Haus auf dem MUMOK
von stopmangohome [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons


Noch im gleichen Jahr war Wurm mit ähnlichen und völlig neuartigen Werken wie dem “Selbstporträt als Essiggurkerl” oder dem zu den Philosophen gehörenden “Telekinetischen Masturbator” auch in Groningen (Niederlande), Florenz, Salzburg, New York und Peking zu sehen.


2011 ging es weiter mit kopflosen Figuren in der Galerie Thaddaeus Ropac in Paris, mit Klappbetten-Installationen in der Ausstellung “I am Erwin Wurm” (und genau diesem Schriftzug als ausgestelltes Kunstwerk) nach Kopenhagen, mit neuen “Selbstportrait als Essiggurken” und neuen “Narrow Houses” nach Odense (ebenfalls Dänemark) und Dornbirn (Österreich) und vielen geheimnisvollen Möbelstücken nach Wien (“Schöner Wohnen”). Ein “Narrow House” von Wurm war anschließend auf der 54. Biennale von Venedig zu bewundern, effektvoll an einem der Kanäle im Freien präsentiert.


Spätestens als Erwin Wurm nach der Biennale im Gemeentemuseum Den Haag wunderschöne und ziemlich anrührende Figuren (“Small Psychos Groups”) zeigt, wird er von den Kritikern als einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler begrüßt. Viel Erfolg hat auch sein im belgischen Middelheimmuseum Antwerpen ausgestelltes “Fat House”, das wirklich richtig fett aussieht, jeder denkt unwillkürlich an den dicken, vielgehänselten Jungen in seiner Schulklasse.


Es sollen noch einige „Fat“-Skulpturen folgen, in denen werden all die kleinbürgerlichen Statussymbole “verfettet” bzw. aufgebläht, die den Wohlstandsbauch von einst abgelöst haben: Vor allem verschiedenste Sportwagen und Einfamilienhäuser, manchmal aber auch immer noch unglaublich aufgeblähte Männer (bei deren Betrachtung wohl die meisten Menschen an Börsenmakler denken).


2012 gibt es mehr “Gulps”, aber wie ein Gulp sehen sie alle aus, “Knitted walls”, die eben gestrickt an der Wand hängen, zauberhafte “Kästchen” und ziemlich verbogene “Drinking Sculptures” (“Beauty Business” im Bass Museum of Art, Miami Beach, USA), all diese sind auch in Dallas zu sehen, in Malaga sind dann viele neue Köstlichkeiten zu sehen, unter anderem verschiedenste Entwürfe rund um das Thema “Narrow House”.


Bis Ende Januar 2013 war Wurm im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen, mit einer neuen Installation und zwei “Melting Houses”, die aber echt schon ziemlich weit geschmolzen sind – wie es aussieht, ist er jedoch bei den Ideen wirklich nicht auf schmelzende Häuser angewiesen.


Jetzt möchten Sie, dass Ihnen die Autorin endlich richtig erklärt, was Erwin Wurm für eine Kunst macht? Verzeihen Sie, aber den T … werde ich tun, zunächst einmal natürlich aus reinem Unvermögen und dann auch noch aus purem Respekt vor dem Künstler.


Skulpturengruppe

Skulpturengruppe “Gurken” von Erwin Wurm (Furtwänglerpark, Salzburg)
Foto von Andreas Praefcke [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons


Eine Menge Ideen hätte ich schon, um deren Umsetzung ich ihn bitten würde, wenn ich mich trauen würde … vielleicht einen der vielen so furchtbar ungeschickt gekleideten Politiker als “Melting Politician”, einen wegen der Steuer nach Russland ausgewanderten Mimen als „Fat Freaky God“, den Richter eines süddeutschen OLG’s als kopfsuchenden Philosophen oder den Vorstand eines örtlichen Vereines als „Narrow Mind“ … ich bin sicher, auch Ihnen drängen sich sofort einige Ideen auf.


Auf jeden Fall ist Erwin Wurm wohl ein recht gutes Beispiel für die Künstler, deren Werke man ruhig etwas länger und umfassender betrachten sollte, weil der Blick vielleicht nicht sofort die ganze Phantasie, den ganzen Humor, die ganze Skurrilität oder den ganzen Zynismus erfasst – irgendwann tut er das aber, und irgendwann versteht man immer besser, warum Erwin Wurm gerade den österreichischen Staatspreis bekommen hat, warum er auf der Rankingliste der “käuflichen Kunst” inzwischen auf Platz 30 vorgerückt ist und warum die Mehrzahl der Kritiker ihn unter die 20 bedeutendsten Künstlern weltweit einreiht.


Wenn Sie gerade wieder reihenweise Kommentare irgendwelcher Kleingeister gelesen haben, die meinen, sowas wie Wurm könne auch ihre kleine Nichte (die übrigens nie die Chance dazu bekommen wird, Kleingeister lassen ihre Kinder keine Kunst machen): Schauen Sie sich Erwin Wurm selbst an und machen Sie sich selbst ein Bild.



Erwin Wurm - auf Kunstauktionen ein Gewinner

Donnerstag, 1. Januar 2015

Die Schweizer Fischli & Weiss und ihre leise Eroberung der Kunstwelt

Seit die Schweizer Künstler Peter Fischli und David Weiss 1979 zum Künstlerduo Fischli & Weiss zusammengefunden hatten, hatte sich diese Partnerschaft schon einige Male als förderlich erwiesen, die beiden befruchteten sich gegenseitig und hatten schon mehrere Werke vorgelegt, die beim Publikum auf großes Interesse und ebensoviel Amüsement stießen.


Fischli & Weiss begannen gerade, langsam immer bekannter zu werden, als sie mit Ihrer im Film “Der Lauf der Dinge” verewigten Wundermaschine im Jahr 1987 die Documenta eroberten:


Der wichtigste Erfolg von Fischli & Weiss


Der künstlerische Siegeszug der Künstlergemeinschaft Fischli & Weiss begann dann 1987 auf der documenta 8 in Kassel: “Der Lauf der Dinge”, ein skurriler und köstlich spannender und spaßiger Film, wurde bereits während der documenta zum absoluten Publikums-Hit, den auch außerhalb der Documenta so viele Menschen sehen wollten, dass er die Künstler in ziemlich kurzer Zeit international bekannt machte.


Dieser “Lauf der Dinge” stellt “das Leben” als Kunstfilm dar, indem ein kontinuierlicher Ablauf ähnlich wie bei einer Rube-Goldberg-Maschine in Bewegung gesetzt wird. Diese Ähnlichkeit war gewollt, der Erfinder dieser so sinnlos die Welt umwälzenden Apparatur, Professor Lucifer Gorgonzola Butts, und der Erschaffer dieser genialen Comic-Figur, der amerikanische Cartoonist Reuben “Rube” Goldberg, müssen die Welt wirklich ziemlich ähnlich gesehen haben wie die beiden Schweizer Künstler.



Eine Rube-Goldberg-Apparatur ist eine Quatsch-Maschine, vollkommen unnötig kompliziert, die eine mit Sicherheit nicht sinnvolle Aufgabe bewältigt – so umständlich wie möglich, mit so vielen Umwegen wie die Fantasie hergibt und in so vielen Einzelschritten wie sich Teilchen zusammenfügen lassen.



Schon Rube Goldberg und sein Professor Gorgonzola sahen den Sinn ihrer Maschine ausschließlich darin, einem Beobachter Vergnügen zu bereiten, und genau das schafft auch der im Film “Der Lauf der Dinge” abgebildete Ablauf:


Der Zuschauer sieht eine Konstruktion, die über eine Länge von etwa 25 Metern auf nicht immer erkennbare Weise Flammen und chemische Reaktionen, alle möglichen Bewegungen, Schaum und Explosionen und noch viele Ereignisse mehr erzeugt, nacheinander in einer Kettenreaktion, in der jede Aktion die jeweils nächste in Gang setzt.


Die Bestandteile dieser Maschine sind typischerweise auch nicht unbedingt technisch sinnvoll, es kommen Reifen und Dosen, Kunststoffflaschen und Luftballons, Feuerwerkskörper und vieles andere zum Einsatz, wirklich charakteristische Objets trouvés, vorgefundene Alltagsgegenstände, die nun zu einem Kunstwerk werden.


Diese Maschine sucht ihren Sinn allein in ihrer Tätigkeit, frei nach dem berühmten Zitat des englischen Philosophen David Hume: “Daraus, dass eines auf das andere folgt, folgt gar nichts.”


Ein einziger großer Spaß, und wenn Sie Chemie und Physik bisher langweilig fanden, sollten Sie sich diesen Film über die Maschine, die nichts kann und nicht tut als zu “maschinen”, unbedingt anschauen.


Viele internationale Ausstellungspräsenzen der Künstler Fischli & Weiss folgten


Die ersten Einzelausstellungen fanden zwar schon 1985 statt, im Kölnischen Kunstverein und der Kunsthalle Basel, und 1987 hatten es die Künstler bereits ins Museum of Contemporary Art in Los Angeles geschafft. Nach dem auf der Documenta hingelegten totalen Publikumserfolg ging es aber erst richtig los: Fischli/Weiss durften die Schweiz noch mehrfach vertreten, bei der Biennale in Venedig und bei anderen wichtigen internationalen Kunst-Festivitäten.


Es folgten über 300 Ausstellungspräsenzen quer durch die ganze Welt, und heute ist das Künstlerduo wohl in jedem Museum für zeitgenössische Kunst vertreten, das etwas auf sich hält.


Sammlungen von Arbeiten des Künstlerpaares haben sich inzwischen ebenfalls an sehr vielen Orten eingefunden: In der Art Collection Deutsche Börse, Frankfurt und im Centre Pompidou, Paris, in der Galleria d´Arte Moderna, Turin und in den Staatliche Museen zu Berlin, im Kunsthaus Zürich und im Kunstmuseum Basel und im Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz, im MACBA Barcelona und im Middlebury College Museum of Art, im museum in progress, Wien und im SAFN Museum Reykjavík und im Schaulager Basel, in der Vancouver Art Gallery und im Walker Art Center in Minneapolis und noch an über 30 anderen Kunsstätten irgendwo in unserer schönen Welt.


Auf der Biennale Venedig sind die beiden Künstler schon fast zu Hause, 1988, 1995, 1999, 2003, 2011 und 2013 waren sie dort. 1987 und 1997 war die documenta in Kassel an der Reihe, 1992 füllten Sie den “Swiss Pavillon” auf der Expo, der Weltausstellung in Sevilla, und die Biennalen in São Paulo (1989), in Sydney (1990, 1998, 2008), im brasilianischen Porto Alegre (2008) und in Gwangju, Südkorea (2010) fanden ebenfalls nicht ohne Fischli & Weiss statt.


Was kostet ein Kunstwerk von Fischli & Weiss?


Nicht unbedingt sehr viel: Der bedingungslos sehenswerte “Lauf der Dinge” (“The Way Things Go”) entfaltet sich in voller Pracht und Unsinnigkeit auf DVD bereits ab 29,90; eine DVD von garantiert guter Qualität können Sie auf www.artfilm.ch/der-lauf-der-dinge-dvd für 47,00 CHF (38,05 €) bestellen.


Aber Sie können natürlich auch ein wenig mehr ausgeben: Im September 2012 wurde die Gummi-Skulptur “Kerze” von 1986 für knapp 192.000,- Dollar verkauft, im Mai 2013 ging “One Who Left to Learn Fear”, eine köstliche, aber recht winzige Skulptur aus ungebranntem Ton, für gut 37.000,- Dollar weg, ebenfalls im Mai 2013 brachte der Gelatinesilberdruck der Fotografie “The Car of Evil” 57.500,- Dollar ein.


Oder Sie haben Glück und erwischen einen “Fischli & Weiss” bei einer Veranstaltung wie der vor einigen Jahren durchgeführten Versteigerung zugunsten der SOS-Kinderdörfer: Das Bild von Fischli & Weiss erzielte zwar den Höchstpreis, vor Werken von Jörg Immendorff, Jonathan Meese, Thomas Bayrle, Cosima von Bonin und Martin Kippenberger – aber dieser Höchstpreis belief sich auf nur 13.000 Euro, die Werke aller gerade genannten Künstler bewegen sich sonst deutlich außerhalb solcher”Peanut-Preise”.


Rezeption und Würdigung von Fischli & Weiss


Spätestens seit dem ersten Documenta-Auftritt besteht in Kritiker-Kreisen weitgehend Einigkeit darüber, dass die Künstlergemeinschaft Fischli & Weiss zu den bekanntesten und erfolgreichsten Protagonisten der zeitgenössischen Schweizer Kunst gehören. In der Künstlerliste der größten Künstlerdatenbank Artfacts.net werden Fischli & Weiss 2012 auf Platz 19 geführt, und im Kunstkompass des “manager magazins” nahmen die beiden Platz 26 unter den 100 weltbesten Künstlern ein.


Darüber hinaus gehörten Fischli & Weiss natürlich zu den Lieblingen der Kunst-Didakten – ob Fotografie oder Skulptur, Installation und/oder Film, man muss schon eine Weile suchen, um Kunst zu finden, die näher am alltäglichen Leben und zugleich so überraschend und amüsant ist. Diese Kunst macht auch Menschen Spaß, die vollkommen ohne Kunstwissen auskommen, und sie erlaubt auch diesen Menschen ohne Mühen einen unmittelbaren Zugang.


Künstlerische “Kollegen” von Fischli & Weiss


Kunstkritiker sehen in der oftmals parodierenden Haltung ihrer Arbeiten Parallelen zum unvergessenen Dadaisten, Surrealisten und Konzeptkünstler Marcel Duchamp und natürlich zum Kinetik-Künstler Jean Tinguely, aber auch zum Schweizer Dichter und intermedial arbeitendem Künstler Karl-Dietrich Roth (Diter oder Dieter Roth).


Wenn es speziell und das Thema der Rube-Goldberg-Apparatur oder “Was-passiert-dann-Maschine” geht, gibt einige Künstler zu erwähnen, diese Spielerei ist in der Kunst (glücklicherweise) alles andere als neu: Bereits in der Barockzeit ergötzte man sich gerne an kunstvoll erdachten und gebauten mechanischen Apparaten und Wasserspielen, bei denen sehr häufig bereits ein gutes Quentchen Schabernack mit verbaut wurde.


In der Moderne wurden diese Anfänge dann zur “kinetischen Kunst” und in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wirklich populär. Man Ray und Marcel Duchamps bauten kinetische Bewegungs- und Lichtobjekte, von den Künstlern Naum Gabo und László Moholy-Nagy, Alexander Rodtschenko und Wladimir Tatlin kennt man konstruktivistische Maschinen.


Mehr oder weniger mögliche oder unmögliche Weltmaschinen in Anregung Rube Goldbergs tauchen in neuerer Zeit auch beim amerikanischen Künstler Tim Hawkinson auf, komplexe Geräte, die Musik oder abstrakte Kunst “herstellen”. Der Künstler Christoph Korn entwarf 2008 eine ganze Serie von digitalen „NON Maschinen“ mit einfachster Programmierung, die den Betrachter mit Verlangsamung und Entnetzung, Wissensentzug oder Nicht-Funktionalität konfrontieren.


Der Einfluss von Fischli & Weiss auf nachfolgende Künstler


Vor allem in der Schweiz gibt es natürlich einige junge Künstler, die sich an dem berühmten Duo orientieren. Das leider Ende April 2012 auseinander gerissen wurde, als David Weiss in Zürich seinem Krebsleiden erlag.


Peter Fischli arbeitet weiter, zunächst noch an Arbeiten, die er zusammen mit seinem Partner begonnen hatte: Im März 2013 wurde vor der Serpentine Gallery in London’s Kensington Gardens die Skulptur “Rock on Top of Another Rock” enthüllt, die in vierjähriger gemeinsamer Arbeit entstand.


Peter Fischli und David Weiss: One rock on top of another rock (2013)

Peter Fischli und David Weiss: One rock on top of another rock (2013)
Standort: Kensington Gardens (London)
von Alan Stanton [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons


Wie der Name schon sagt, besteht diese Skulptur aus “einem Stein auf einem anderen”, riesige Findlinge, von denen der eine so genau austariert auf dem anderen sitzt, dass aussieht, als wäre er in dieser Sekunde auf ihm gelandet. Die Mischung aus Stonhedge-Remineszenz und alltäglichem Orientierungspunkt für Touristen bleibt ein Jahr in den Kensington Gardens und wandert dann nach Doha, Qatar, dort wo aller Stein zu Sand wird.


Auch die Weiterführung der kinetischen Kunst à la “Lauf der Dinge” ist bereits in Entwicklung – man nennt sie “kybernetische Kunst”, und hier reagiert das Kunstwerk auf äußere Einflüsse, z. B. auf menschliche Einwirkung oder elektronische Impulse.


Schon in den 1960er Jahren erdachte der Vater der kybernetischen Kunst, der ungarische Künstler Nicolas Schöffer, seine Kybernetischen und Spatiodynamischen Türme. Inzwischen beziehen viele Künstler aufregende technische Konstruktionen in ihre Kunstwerke ein, die durch Naturkräfte oder Motoren, Uhrwerke oder manuell bewegt werden, diese Künstler sind absolut auf dem neusten Stand der Technik, und auch computergesteuerte Kunstobjekte sind heute alles andere als eine Seltenheit.


Was sagen Fischli & Weiss über sich und das Leben?


Beide Künstler haben sich immer schon wenig über die an sie herangetragenen Deutungen ihrer Arbeiten geäußert. Das wird dann natürlich auch wieder gedeutet, so schrieb das Kunstmagazin “Art” über “subversive Nonsens-Botschaften” des Künstler-Duos, und Kritiker stellten die beiden nur zu gerne in die Tradition der Dadaisten. Die Künstler selbst schwiegen auch dazu, schauten mit amüsierten Kinderaugen in die Welt, bauten diese Welt dann mit ihren Kinderhänden ein wenig um, und brachten damit dann auch Erwachsene zum Lachen.


Fischli & Weiss zeigten ihre mehr als ironische Einstellung zum Leben lieber in ihren Werken: Die vom Werkschaffen losgelöste Kunstauffassung der Konzeptkunst, besonders in der Form des “Ready made”-Einbezugs gerade vorhandener Dinge, wird von ihnen schon einmal kräftig auf die Schippe genommen, wenn sie scheinbar alltägliches Atelierzubehör in den Ecken eines Museumsraums arrangieren, die sie in feinster Handwerksarbeit sorgfältig aus Polyurethan-Schaumstoff schnitzen, anschließend lebensecht bemalen und damit die zunehmende Geringschätzung künstlerisch-handwerklicher Arbeit innerlich lächelnd ad absurdum führen.


Ein solches Kunstwerk steht auch absolut in der alten Tradition des Trompe-l’oeil, der meisterlich ausgeführten Augentäuschung, und eigentlich tun Fischli & Weiss damit genau das, was nach dem traditionellen Kunstbegriff des “Kunst kommt von Können” von einem Künstler erwartet wird, nämlich die Natur möglichst naturgetreu nachzuahmen …


Peter Fischli hat noch nichts dazu bekanntgegeben, wie seine Arbeit nach dem Verlust seines Kollegen und Freundes David Weiss weitergehen soll, er möchte erst einmal alle gemeinsam begonnenen Projekte beenden, um sich dann nach und nach der Frage zu nähern, wie seine Kunst ohne den bisherigen Partner aussehen soll.



Die Schweizer Fischli & Weiss und ihre leise Eroberung der Kunstwelt

Sonntag, 7. September 2014

Ai Weiwei und "The Fake Case"

Der Titel dieses Artikels ist doppeldeutig – es geht um einen Film des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, und um “The Fake Case” (den Scheinprozess), der hinter diesem Film steckt.


Der Film “The Fake Case”


Der Film “The Fake Case” ist eine kanadisch-dänisch-britische Produktion, bei der der preisgekrönte dänische Dokumentarfilmer Andreas Johnsen die Regie übernommen hat. Das Buch zum Film stammt ebenfalls von Andreas Johnsen, der mit seiner Firma Rosforth Films eine Reihe Aufsehen erregender Dokumentarfilme produziert hat und zu den Stars des dänischen Dokumentarfilms gehört.



Ai Wei Wei vor seiner Installation “Template” auf der Documenta 12 im Juni 2007[/caption]

Auch hier gelang es Johnsen und seinem Team, in beängstigender Prägnanz den Kern der Bedrohlichkeit des Scheinprozesses einzufangen, nach 86 Minuten Film fühlt der Zuschauer die Beklemmung am eigenen Körper.


Der regimekritische Künstler Ai Weiwei war am Flughafen von Peking am 3. April 2011 verhaftet und an einen unbekannten Ort verschleppt worden. 81 Tage lang hielt ihn die chinesische Staatsmacht ohne rechtsstaatliches Verfahren und unter vorgeschobenen Begründungen dort eingesperrt, das Ziel war, den kritischen Künstler endlich mundtot zu machen.


Das hat viel Aufsehen in der demokratischen Welt erregt, und es gibt nicht nur einen Film über Ai Weiwei in der Zeit der Haft. Die Amerikanerin Alison Klayman, die lange Zeit in China lebte, widmet sich im Dokumentarfilm “Never Sorry for Exposing China’s Oppression” (Ich werde mich nie dafür entschuldigen, die Unterdrückung in China aufzudecken) dem Künstler in und nach der Haft. Sie begleitet sein Leben drei Jahre, der Dokumentarfilm zeigt Ausschnitte aus Ai Weiweis Leben während dieser Zeit, inklusive seiner Verhaftung 2011.


Insgesamt entstand eine Art dokumentarische Autobiografie, die Ai Weiweis gesamtes Leben und Werk berührt. Der Dokumentarfilm, meist nur mit dem Titel “Never Sorry” zitiert, kam 2012 heraus und hatte auf der documenta 13 seine deutsche Premiere.



Der dänische Dokumentarfilmer Andreas Johnsen hat Ai Weiwei erst nach seiner Entlassung begleitet – wenn er in China war, allerdings auf Schritt und Tritt. Ai Weiwei war nach seiner Haft im Juni 2011 nur auf “Bewährung” freigekommen. Der Haftgrund wurde bei seiner “Verhaftung” einfach behauptet und ist bis heute nicht mit Beweisen belegt worden. Damit stellt sich das Vorgehen gegen Ai Weiwei als rechtswidrige Freiheitsberaubung dar, weil eine Verhaftung in einem Rechtsstaat eben einen solchen Haftgrund voraussetzt.


Danach stand Ai Weiwei ebenso grundlos ein Jahr lang unter strengem Hausarrest. Das hieß, dass er nicht vor die Haustür treten durfte, dass er weder Interviews noch sonstige Erklärungen abgeben durfte, er wurde verpflichtet, ständigen Kontakt mit der Polizei aufrecht zu erhalten.


Der eigentliche “Fake Case” ist eine, wie gesagt, ohne jeden Beweis unterstellte Steuerhinterziehung, für jeden in einem rechtsstaatlichen Gedankenraum befindlichen Menschen ein offensichtlicher Versuch des Staates, den für kritische Äußerungen bekannten Künstler einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.


Das wäre gelungen, wenn das chinesische Volk nicht in einer wirklich Aufsehen erregenden Art und Weise Unterstützung geliefert hätte: Tausende von Bürgern spenden, mit ihrer Hilfe kann Ai Weiwei die absurde Millionensumme aufbringen, die der Staat ihm “als Strafe” auferlegt hat.



Andreas Johnsen war sieben Mal in China, um Ai Weiwei zu begleiten, insgesamt hat er jahrelang an diesem Film gearbeitet. Johnsen lässt Ai Weiwei einfach erzählen, über die 81 Tage Isolationshaft, darüber, dass sich in seiner winzigen Zelle auch noch ständig zwei Wärter befanden. Sogar während der Nachtruhe, von der man sich gut vorstellen kann, dass sie nicht so nachtruhig war, schon ohne Ai Weiwei Berichte über auf und ab gehende oder unter Schluckauf leidende Bewacher.


Johnsen zeigt auch, dass Ai Weiwei an seine Grenzen geht, er zeigt ihn übermüdet und überfordert – vor allem zeigt er aber, wie es Ai Weiwei dennoch gelingt, die rechtlosen und schamlosen Übergriffler in sein Leben mit ihren eigenen Waffen zu schlagen:


Er installiert in seinem Atelier gleich vier Kameras, die ihn von allen Seiten überwachen, Tag und Nacht, 24 Stunden, und streamt die Bilder auch 24 Stunden nonstop in die Welt, wodurch er nicht nur eindrücklich die vollkommene Harmlosigkeit seines Tuns und Lebens beweist, sondern ebenso eindrucksvoll jedem phantasiebegabten Menschen eine Vorahnung davon gibt, was es wirklich bedeutet, wenn die eigenen Daten und die Bilder des eigenen Lebens zum Spielball einer nicht autorisierten und nicht rechtsstaatlich geregelten Datensammlung und Datennutzung per Internet werden.


Wenn berichtet wird, dass die Behörden über die selbstentäußernde Verteidigung des Künstlers “alles andere als erfreut” sind, läuft sicher auch weniger phantasiebegabten Menschen der erste Schauer den Rücken hinunter …


Andreas Johnsen hat in “The Fake Case” die Atmosphäre der Rechtlosigkeit und ihre Auswirkungen auf Chinas berühmtesten Künstler sehr intim dargestellt, gerade dadurch gelingt es dem Film, Ai Weiweis ungebrochenen Mut im Kampf gegen die chinesischen Schein-Autoritäten um so deutlicher herauszustellen.


Damit wird Ai Weiweis und Andreas Johnsens “Fake Case” zu einem beeindruckenden Stück Hoffnung auf den Fortbestand der Menschlichkeit, der in Dänemark nach dem dortigen Filmstart im Jahr 2013 mit dem Kritikerpreis “Bodil” für den besten Dokumentarfilm des Jahres ausgezeichnet wurde.



Was geht uns das an?


Bei Gesprächen auf Kneipen-Niveau – die es immer noch gibt, auch wenn es immer weniger Kneipen gibt – kommt sehr schnell die Meinung zum Ausdruck, dass es ja wohl völlig überzogen sei, sich für einen Künstler einzusetzen, der in China sitzt, man habe doch hier in Deutschland genug zu tun, und unser Geld solle doch besser den Bedürftigen hier zugute kommen (welches Geld sie meinen, bleibt unklar, vielleicht ein Salär, dass Ai Weiwei für seine Tätigkeit an der Berliner Akademie der Künste bekommen würde, wenn er diese denn ausüben könnte – was das weitergedacht bedeuten würde, weigert die Autorin sich auszumalen).


Das sind die Leute, die sagen “mir doch egal, wenn jemand meine Daten sammelt, ich habe doch nichts zu verbergen!”, ohne zu merken, dass sie gerade international verhökert werden und dass Menschen schon auf Überwachungs- und Ausgrenzungslisten landen, wenn eine Familie gleichzeitig nach einem Kochtopf und irgendeinem Campingzubehör im Internet sucht, weil man aus diesen beiden Sachen schlimme Dinge bauen kann (was in dieser Familie natürlich keiner weiß).


Das sind meist übrigens auch die Leute, die sich für ihre Mitbürger im eigenen Land typischerweise nicht engagieren und einem Opfer einer maßlosen Ungerechtigkeit im Zweifel noch den Rat geben, es solle sich doch nicht so aufregen, gegen “die da” könne es doch sowieso nichts tun.


“THE FAKE CASE macht die Wahrheit zur Waffe. Unbedingt anschauen.”[/quote]

Ai Weiwei und "The Fake Case"

Freitag, 15. August 2014

10 unglaublich detaillierte und hyperrealistische Gemälde von Diego Gravinese

Der Maler Diego Gravinese wurde am 28. Oktober 1971 im argentinischen La Plata geboren. Er ist dafür berühmt, unglaublich fotorealistische Gemälde zu schaffen, die meist mit Acrylfarben auf handelsüblichen Leinwänden gemalt wurden.


Auf den ersten Blick sind seine Werke mit dem menschlichen Auge kaum von richtigen Fotografien zu unterscheiden. Seine Gemälde sind verblüffend detailliert und wunderschön anzuschauen. Man kann ihn wohl ohne große Zweifel zu den größten Künstlers des Fotorealismus zählen. Er kombiniert dabei verschiedene Pop Art Elemente mit derart ausgereifter technischem Können, dass es den Betrachter immer wieder aufs Neue verblüfft und mit seinen Sinnen spielt.


In der nachfolgenden Zusammenstellung finden Sie 10 seiner eindrucksvollsten Werke. Um diese in größerem Format zu betrachten, folgen Sie einfach dem unteren Link direkt zur Pinnwand auf Pinterest.


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Direkt zur Website des Künstlers gelangen Sie hier: Offizielle Homepage von Diego Gravinese



10 unglaublich detaillierte und hyperrealistische Gemälde von Diego Gravinese